Binnenwanderung nach Landkreis 2024 – Wo zieht Deutschland hin?
Jedes Jahr ziehen Hunderttausende Menschen innerhalb Deutschlands um – von einer Stadt in eine andere, vom Land in die Metropole oder umgekehrt. Der Binnenwanderungssaldo misst, wie viele Personen ein Landkreis durch diese internen Umzüge netto gewinnt oder verliert. Ein positiver Wert bedeutet: Mehr Menschen ziehen zu als fort. Ein negativer Wert signalisiert Abwanderung. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei +7,1 je 10.000 Einwohner – und von den 400 deutschen Kreisen verzeichnen 304 einen positiven Saldo. Doch die Unterschiede zwischen den Extremen sind enorm.
Die 20 Kreise mit dem stärksten Bevölkerungszuzug
Die folgende Tabelle zeigt die 20 Landkreise mit dem höchsten Binnenwanderungssaldo je 10.000 Einwohner. Die Daten stammen aus der Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamts (Stand 2024). Klicken Sie auf einen Kreis, um detaillierte Informationen zu Mietpreisen, Kaufkraft und Leerstand zu erhalten.
| # | Landkreis | Bundesland | Saldo je 10.000 EW |
|---|---|---|---|
| 1 | Kusel | Rheinland-Pfalz | +181,6 |
| 2 | Teltow-Fläming | Brandenburg | +180,0 |
| 3 | Havelland | Brandenburg | +126,5 |
| 4 | Dahme-Spreewald | Brandenburg | +115,4 |
| 5 | Lüchow-Dannenberg | Niedersachsen | +110,4 |
| 6 | Plön | Schleswig-Holstein | +106,4 |
| 7 | Landau in der Pfalz, kreisfreie Stadt | Rheinland-Pfalz | +102,7 |
| 8 | Harburg | Niedersachsen | +101,8 |
| 9 | Barnim | Brandenburg | +100,1 |
| 10 | Wittmund | Niedersachsen | +98,5 |
| 11 | Landkreis Rostock | Mecklenburg-Vorpommern | +98,2 |
| 12 | Märkisch-Oderland | Brandenburg | +97,8 |
| 13 | Nordsachsen | Sachsen | +97,8 |
| 14 | Gera, Stadt | Thüringen | +97,3 |
| 15 | Brandenburg an der Havel, Stadt | Brandenburg | +96,2 |
| 16 | Rotenburg (Wümme) | Niedersachsen | +94,9 |
| 17 | Straubing | Bayern | +94,6 |
| 18 | Schleswig-Flensburg | Schleswig-Holstein | +93,2 |
| 19 | Wetteraukreis | Hessen | +92,9 |
| 20 | Pirmasens, kreisfreie Stadt | Rheinland-Pfalz | +89,0 |
Berliner Speckgürtel und Suburbanisierung
Vier der Top-10-Kreise liegen im direkten Umland Berlins: Teltow-Fläming (+180,0), Havelland (+126,5), Dahme-Spreewald (+115,4) und Barnim (+100,1). Der Grund ist die anhaltende Suburbanisierung der Hauptstadt: Berliner Familien und Haushalte mittleren Einkommens weichen ins Umland aus, weil die Mieten und Kaufpreise in Berlin stark gestiegen sind, während das Brandenburger Umland noch deutlich erschwinglichere Flächen bietet.
Dabei hilft die gute Verkehrsanbindung: S-Bahn, Regionalexpress und Autobahnanschlüsse ermöglichen das tägliche Pendeln in die Hauptstadt. Diese Zuwanderungswelle hat allerdings Folgen: In diesen Kreisen steigt die Wohnungsnachfrage rasant, die Baulandpreise klettern, und das Angebot an freistehenden Einfamilienhäusern wird knapper.
Hinweis zu Kusel (+181,6): Der Spitzenreiter aus Rheinland-Pfalz verdankt seinen hohen Wert einem Zusammenspiel aus günstigen Immobilienpreisen, guter Pendelmöglichkeit in die Rhein-Neckar-Region und einer vergleichsweise kleinen Ausgangsbevölkerung – bereits wenige Hundert Zuzüge ergeben je 10.000 Einwohner einen hohen Saldo.
Die 10 Kreise mit dem stärksten Bevölkerungsabgang
Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Kreise mit stark negativem Binnenwanderungssaldo. Hier ist Vorsicht bei der Interpretation geboten: Nicht jeder negative Wert bedeutet, dass die Region schrumpft oder unattraktiv ist.
| # | Landkreis | Bundesland | Saldo je 10.000 EW |
|---|---|---|---|
| 1 | Suhl, Stadt | Thüringen | -1.238,1 |
| 2 | Heidelberg, Stadtkreis | Baden-Württemberg | -895,5 |
| 3 | Gießen | Hessen | -863,2 |
| 4 | Heidekreis | Niedersachsen | -724,0 |
| 5 | Trier, kreisfreie Stadt | Rheinland-Pfalz | -649,9 |
| 6 | Speyer, kreisfreie Stadt | Rheinland-Pfalz | -618,3 |
| 7 | Bamberg | Bayern | -328,4 |
| 8 | Sigmaringen | Baden-Württemberg | -305,9 |
| 9 | Göttingen | Niedersachsen | -297,4 |
| 10 | Magdeburg, Landeshauptstadt | Sachsen-Anhalt | -296,9 |
Universitätsstädte: Negativsaldo trotz hoher Attraktivität
Heidelberg (–895,5), Gießen (–863,1), Trier (–649,9), Bamberg (–328,4), Göttingen (–297,4) und Speyer (–618,3) sind allesamt attraktive Hochschulstandorte – und trotzdem verzeichnen sie stark negative Binnenwanderungssalden. Das ist kein Widerspruch, sondern ein statistisches Strukturmerkmal:
- Studierende melden sich an, wenn sie ihr Studium beginnen → erhöht den Einwohnerbestand
- Nach dem Abschluss ziehen viele fort, um andernorts zu arbeiten → erfasst als Abwanderung
- Gleichzeitig kommen neue Erstsemester – aber diese ersetzen nur die Abgänger
Das Nettoresultat ist häufig negativ, weil Universitätsstädte typischerweise mehr ausgebildete Fachkräfte in den Arbeitsmarkt entlassen, als sie dauerhaft binden können. Das negative Binnenwanderungssaldo ist in diesen Fällen ein Zeichen von Bildungsexport, nicht von struktureller Schwäche.
Sonderfall Suhl (–1.238,1): Suhl in Thüringen ist mit rund 34.000 Einwohnern eine der kleinsten kreisfreien Städte Deutschlands – und befindet sich seit Jahrzehnten in einem anhaltenden Schrumpfungsprozess. Selbst geringe absolute Fortzugszahlen führen bei dieser kleinen Bevölkerungsbasis zu einem extremen Pro-Kopf-Saldo. Suhl ist kein Ausreißer durch einen einmaligen Effekt, sondern Spiegel einer langfristigen Abwanderungstendenz aus strukturschwachen Kleinstädten im ländlichen Thüringen.
Binnenwanderung und Immobilienpreise: Der direkte Zusammenhang
Ein hoher positiver Binnenwanderungssaldo ist einer der stärksten Treiber für steigende Immobilienpreise auf lokaler Ebene. Die Logik ist einfach: Mehr Zuzug bedeutet mehr Nachfrage nach Wohnraum – bei häufig gleichbleibendem oder nur langsam wachsendem Angebot. Das treibt Mieten und Kaufpreise.
Besonders deutlich zeigt sich das im Berliner Speckgürtel: Kreise wie Teltow-Fläming und Havelland verzeichnen seit Jahren sowohl steigende Binnenwanderungssalden als auch überdurchschnittliche Preissteigerungen bei Bauland und Bestandsimmobilien. Wer in diesen Regionen investieren oder kaufen möchte, sollte die demografische Dynamik als langfristigen Nachfrageindikator einrechnen.
Umgekehrt bieten Kreise mit negativem Saldo – abseits der Sonderfälle Universitätsstädte und Kleinstädte – oft günstigere Einstiegspreise, allerdings mit dem Risiko weiter sinkender lokaler Nachfrage.
Weiterführende Seiten:
Häufig gestellte Fragen
Was ist Binnenwanderung und wie unterscheidet sie sich von Außenwanderung?
Binnenwanderung bezeichnet Umzüge innerhalb Deutschlands – wenn jemand aus einem Landkreis in einen anderen zieht, ohne die Landesgrenzen zu verlassen. Außenwanderung hingegen erfasst Zuzüge aus dem Ausland und Fortzüge ins Ausland. Für die Gesamtbevölkerungsentwicklung eines Kreises zählen beide Wanderungsformen sowie der natürliche Saldo aus Geburten und Sterbefällen.
Warum haben Universitätsstädte wie Heidelberg und Gießen so hohe negative Binnenwanderungssalden?
Studierende melden sich zu Studienbeginn in der Universitätsstadt an und ziehen nach dem Abschluss häufig weiter – in eine andere Stadt, die besser zu ihrem Berufseinstieg passt. Diese Abgänge überwiegen rechnerisch, weil gleichzeitig neue Erstsemester nachkommen, aber die Absolventenzahl der Vorjahre die Neuzugänge übersteigt. Das negative Saldo ist kein Zeichen von Unattraktivität, sondern ein strukturelles Merkmal lebhafter Hochschulstandorte.
Bedeutet ein hoher Binnenwanderungssaldo höhere Immobilienpreise?
In der Tendenz ja: Mehr Zuzug erhöht die Nachfrage nach Wohnraum. Wenn das Angebot nicht schnell genug mitwächst – etwa weil Baugenehmigungen fehlen oder Flächen knapp sind – steigen Mieten und Kaufpreise. Im Berliner Speckgürtel ist dieser Mechanismus besonders gut beobachtbar: Kreise mit dauerhaft hohem Zuzug verzeichnen seit Jahren überdurchschnittliche Preissteigerungen.